3 Tage Jakobsweg entlang der Elbe von Bad Wilsnack nach Tangermünde

Am 14. September 2020 startete mein bisher größtes Wanderabenteuer. Ralph hatte eine 3-tägige Reise auf dem Jakobsweg vorbereitet, mit zwei Übernachtungen, ca. 75 km mit täglich mehr als  20 km, und das obwohl ich erst einmal überhaupt mehr als 20 km gewandert bin. Meine Ausrüstung war noch sehr übersichtlich und ich war Mega-aufgeregt.

Insgesamt 119.843 Schritte, 76,7 km, knapp 17 Stunden reine Wanderzeit.

Tag 1,  von Bad Wilsnack nach Havelberg,  5 h Gehzeit

23,2 km, mit harten Asphaltwegen, unbändige Aufregung, sengenden Sonnenstrahlen, einer minderwertigen Ausrüstung, einem köstlichen Abendessen mit Sonnenuntergang, vielen Treppen und einem geschlossenen Dom.

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Am 14. September ging es los. Mit dem Zug Richtung Wittenberge, ich hatte viel zu viel unnötiges Zeug mitgenommen und so war mein Rucksack für mich auch eigentlich viel zu schwer mit seinen 10 kg.

Es waren noch einmal an die 30 Grad angekündigt und die Sonne ging blutrot am Horizont auf, an diesem kühlen Morgen. Fröstelnd saß ich am Bahnhof und war fast sprachlos vor Aufregung. Tausend Gedanken schossen mir durchs Hirn.


Unsere 3 Tage Jakobsweg-Wanderung entlang der Elbe begann „regelkonform“ mit einem Besuch in der Wallfahrts- und Wunderblutkirche St. Nikolai in Bad Wilsnack:

Im Shop der riesigen Kirche erstanden wir auch unsere Pilgerpässe. Siehe Beitragsbild oben.


Die Wunderblutkirche

Unweit vom Bahnhof und auf dem Weg besuchten wir als erstes die Wunderblutkirche in Bad Wilsnack, die von Endes des 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts eine Wallfahrtskirche war. Sie bewahrte drei Hostien mit je einem Blutstropfen in einem Versteck auf. Nach der Reformation zerstörte der evangelische Pfarrer von Wilsnack, Joachim Ellefeld, die Hostien. Er wurde dafür inhaftiert und anschließend des Landes verwiesen.

Auf dem Jakobs-Pilgerweg ging es nördlich von Bad Wilsnack in Richtung Legde, wo wir eine erste große Rast auf dem Friedhof am Dorfrand machten.  Hier füllten wir unsere Wasservorräte, die bei dieser Hitze schnell zur Neige gingen und fanden Schutz vor der sengenden Hitze.

Ein hartes Pflaster

Anschließend überquerten wir die Havel hinter Quitzöbel und setzten unseren Weg in der Nähe der Elbe entlang fort. Der Weg war hauptsächlich asphaltiert oder mit Kopfsteinpflaster bestückt.  Wunderschöne weite Ausblicke boten sich uns an den Elbeauen. Wir passierten den Elbe-Havel-Kanal und die Havel in Havelberg, checkten in die vor gebuchte Unterkunft ein und gönnten uns und unseren Füßen eine Pause im wunderschönen Garten des Hotels.

Tape gegen Gaffa

23,2 km waren es an diesem Tag. Wir hatten unsere Fußballen mit Klebeband abgeklebt. Ralph hatte Gaffaband gewählt um seine Ballen zu schützen und ich testete Tapeband, denn das Brennen der Fußballen hatten uns schon oft Probleme bereitet. Auch eine Silikoneinlage für den Ballen tapte ich fest. Bei Ralph entwickelten sich die ersten Blasen  an diesem Abend.

Schlemmen in Havelberg

Abendessen im La Dolce Vita in Havelberg, mit Sonnenuntergang

Kurz vor Sonnenuntergang machten wir uns auf den Weg zum  St. Marien Dom zu Havelberg, der an der höchsten Stelle des kleinen Städtchens lag. Dazu mussten wir jede Menge Treppen hinaufsteigen. Ich habe gedacht, dass ich nie oben ankommen würde. Aber der Ausblick von diesem Ort war sensationell.

Hunderte von Krähen sammelten sich in den Aussparrungen dieses imposanten Bauwerks und machten ordentlich Krach. Wir kehrten im La Dolce Vita ein, genossen ein gutes und reichliches Essen mit fantastischem Blick auf die untergehende Sonne.

Wir übernachteten in der Pension Havelblick
Weinbergstraße 74, Havelberg, Deutschland
https://mapy.cz/s/fogajokoca,

War übrigens sehr hübsch und sauber.

Stempelfrust

Da wir zu spät in Havelberg ankamen, war es nicht mehr möglich einen Stempel für den Pilgerpass zu erhalten. Wir nahmen uns vor, am nächsten Morgen ein weiteres Mal hierher zu kommen um den heiß begehrten Stempel einzufügen, also noch einmal die Treppen.

Als wir in unsere Unterkunft zurück kamen war der herrliche Garten wunderbar illuminiert und verzückte uns ein weiteres Mal. Vollgefressen und völlig erledigt fielen wir ins Bett und schliefen bis zum Morgen durch.


2. Tag, von Havelberg nach Hohenberg Krusemark, 4:40 h Gehzeit

27 km, mit einer Fährfahrt, einem kühlen Bier am Nachmittag, dem Gefühl von Unendlichkeit der Weite, einem überraschenden Flow und Adrenalinausschüttungen, einem unheimlich netten Gutshofbesitzer und einem illuminierten Garten.

Download file: 200915_Jakobsweg_Elbe_Wanderung_Tag_2.gpx

Stempel unter Verschluss

Die ersten Schritte am morgen, das Gefühl runder Füße, eine herrliche Dusche und ein frühes Frühstück. Am Morgen in Havelberg waren wir auf der Suche nach einem Stempel im Dom, doch dieser war leider verschlossen.  Die Pfarrerstochter durfte uns leider keinen Stempel geben und so versuchten wir es in der Tourist-Information der Hansestadt, und waren dort erfolgreich. Wir besichtigten die  idyllische Töpfergasse.

Anschließend sahen wir uns noch das Haus der Flüsse in Havelberg an. In die Innenräume konnten wir natürlich nicht, aber der Außenbereich des Informationszentrums des Biosphärenreservates Mittelelbe war mit seinen Wasserspielmöglichkeiten auch so eine sehr interessantes Gelände. Hier waren wir ganz allein und konnten die Spielvarianten austesten.

Friedhofsdusche

Wasser auffüllen an der Kirche in Berge

Wir nahmen die Gierfähre bei  Werben, überquerten die Elbe bei Räbel und füllten unsere Wasservorräte auf dem Friedhof der Kirche in Berge. Ich duschte förmlich unter dem Wasserhahn bei fast 30 Grad im Schatten. Schmerzen überall, der harte Untergrund forderte seinen Tribut, Ralphs Blasen wuchsen.

Was ist eine Gierfähre?

Eigentlich Gierseilfähre oder Fliegende Brücke genannt, ist ein Fährtyp, der die Strömung eines Flusses zur Fortbewegung ausnutzt. Wie ein Pendel schlägt die Fähre von ihrer Verankerung an Gierseilen nach beiden Seiten aus. Es ist die Drehbewegung um eine Hochachse.

Die kühle Gerste

Ein kühles Bier im Gutshaus Büttnerhof

Am Gutshaus Büttnershof ließen wir uns eine Weile nieder, erschöpft schon jetzt. Ein kühles Bier und eine richtiges Klo beglückte uns schon außerordentlich. Wie klein doch die Wünsche werden, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Reduziert auf das Notwendigste.

Vom Schmerz

Immer in der Nähe der Elbe kamen wir langsam voran. Endlose Aussichten die einem das Gefühl vermitteln überhaupt nicht vorwärts zu kommen. Hinter jeder Kurve das nächste Stück Strecke vor Augen machte uns heute das Kopfsteinpflaster alter Straßenverbindungen oder die Betonauflage auf den Wegen zu schaffen. Ich hatte ständig Schmerzen im Rücken und das Gefühl das sich die Beinknochen durch die Füße in die Schuhe bohren. Wir sprachen nicht mehr viel, jeder in seinen Gedanken.

Der Maschinenschub

Plötzlich setzte es bei mir aus, oder wie soll ich das beschreiben. Die Schmerzen wie weggeblasen, die Gedanken zur Ruhe gekommen. Ich marschierte und bemerkte erst nach einer Weile, das ich ganz schön schnell geworden war. Ralph war nur ganz klein noch in der Ferne zu erblicken. Ich setzte mich ins Gras und wartete auf ihn. Was war das, wo waren die Schmerzen hin, die mich beide Tage endlos quälten. War das dieser Flow, von dem so viele Wanderer berichten, die Konzentration auf das Laufen mit einem Schub wie eine Maschine.

Wanderinfiziert

Ich war fasziniert von diesem Gefühl und es hat mich seit diesem Tag nicht mehr verlassen. Immer wenn ich schnurgerade Asphaltwege gehe ist es wieder da. Es treibt meine Beine voran, das Tempo erhöht sich und das Adrenalin schießt durch meinen Körper und lässt mich Schmerz überwinden und bringt Ruhe in meine Gedankenwelt.  Spätestens jetzt war es um mich geschehen. Ich bin wanderinfiziert.

Wandern bis zum Sonnenuntergang

Nicht enden wollende Deichwanderung

An diesem Tag mussten wir 27 km zurücklegen, denn die nächste Unterkunft war in Hohenberg Krusemark gebucht. Dazu verließen wir den Jakobsweg und bogen hinter Rosenhof ab, Langsam wurde es auch dunkel. Ralph kündigte uns telefonisch im Gutshof an, die schon befürchteten, das wir nicht ankommen würden.

Zukunftsgedanken

Mein Handy war schon wieder abgekackt, ich konnte wieder keine Fotos mehr machen und der Track wurde auch nicht aufgezeichnet. Unbedingt als erstes eine Powerbank in Berlin besorgen, denn es ärgerte mich sehr, dass ich die herrliche Aussicht nicht festhalten konnte.

Mr. Drive übernimmt die Essensbestellung

Der Besitzer des wunderschönen Gutshotels kam uns auf unserem Weg zum Gutshotel entgegen, um für uns ein Essen bei der einheimischer Gastronomie zu besorgen. Er nahm unsere Bestellung entgegen und verabschiedete sich eilig, denn die Öffnungszeiten auf dem Lande sind ganz andere.

Pension Gutshaus Krusemark
039394 91680
https://maps.app.goo.gl/aBF4hMB2DSPt1Rgk6

Der illuminierte Garten

Als wir völlig erschöpft ankamen inspizierten wir kurz unser Zimmer, machten uns frisch, versorgten Ralphs mega Blasen und schauten uns dann dieses Kleinod in der Walachei etwas genauer an. Viel zu sehen gab es nicht mehr, denn inzwischen war es dunkel, aber der Garten war so herrlich erleuchtet, eine Wonne.

Ich konnte kaum etwas Essen so fertig war ich. Meine letzten Gedanken waren, ich kann nicht mehr, morgen setz ich mich in den Zug und fahr nach Hause.

Zweifel

Am nächsten Morgen sahen Ralphs Füße entsetzlich aus, voller Blasen. Er muss ziemliche Schmerzen gehabt haben und ich bot ihm den Abbruch dieser Tour an, weil ich selbst nicht glauben konnte, den 3. Tag noch zu schaffen.

Ich verarztete seine Blasen. Bei mir entwickelten sich keine aber dafür hatte ich mit bestialischen Rückenschmerzen zu tun, jeder Schritt eine Qual. Sobald wir uns hinsetzten, hatten wir das Gefühl nie wieder aufstehen zu können.


3. Tag, von Hohenberg Krusemark nach Tangermünde,  5:50 h Gehzeit

26,7 km, mit der Entsorgung von Überflüssigem, nassen Shirts, unendlichen Deichwegen, einem Gänselieselbrunnen, einem efeubewachsenen Schloß und der Sichtung der Elbbrücke bei Tangermünde.

Download file: 200916_Jakobsweg_Elbe_Wanderung_Tag_3.gpx

Gepäckoptimierung

Vor dem Aufbruch erfolgte die Entsorgung des ersten paar Turnschuhe und ein paar anderer Sachen, auf die ich am heutigen Tag verzichten konnte. Die Verringerung der Gepäcklast erschien mir angebracht.

Wet T-Shirt

Wir besichtigten  die Kirche Hohenberg Krusemark, die etwas Abseits gelegen auf dem Weg lag. Ich war dazu übergegangen mein Shirt nass anzuziehen, damit der Körper etwas heruntergekühlt wird. Auch wenn das Shirt nach 1-2 Stunden wieder trocken war, kühlte es doch für eine Weile herrlich. Eine Technik, die ich im folgenden Sommer 2021 immer wieder mal anwendete um mich nicht zu überhitzen.

Deichwege in sengender Sonne

Jetzt kamen endlose Wege auf dem Deich, kein Schatten in Sicht. Wenn wir den Blick schweifen ließen sahen wir in weiter Ferne den Deichweg vor uns aufleuchten. Wir hatten das Gefühl überhaupt nicht voran zu kommen. Wie mögen sich wohl Flüchtlinge fühlen, wenn sie ganze Kontinente zu Fuß auf dem Weg in die Freiheit durchqueren.

Die Gänseliesel

Der Gänselieselbrunnen in Arneburg

Auf dem Marktplatz in Arneburg machten wir eine kleine Rast an dem entzückenden Gänselieselbrunnen, betrachteten die tollen restaurierten Fachwerkhäuser und das Arbeiterdenkmal am Fischerbrunnen des alten Marktes. In der Stadtkirche St. Georg konnten wir auch wieder einen Stempel ergattern, denn der Pilgerstempel lag dort angekettet bereit zur Nutzung.

Elbbrücke

Das efeubewachsene Schloss Storkau mit seinem gepflegten Park und dem schönen Wasserspiel war unser nächstes Ziel. Als wir weiterwanderten erblickten wir am Horizont die Elbbrücke bei Tangermünde. Ganz klein war sie am Horizont zu erkennen und es dauerte gefühlte 100 Stunden bis wir sie erreicht hatten.

Die Elbbrücke bei Tangermünde

In Tangermünde dann gab es wieder keinen Stempel, denn wir erreichten den Bahnhof völlig erledigt. Ralph schrieb im Nachhinein einen Brief mit Nachweisen unserer Tour an die Gemeinde Havelberg, die uns dann nachträglich den fehlenden Stempel verpasste. 😊

Das war die tollste Wanderung ever, voller neuer Eindrücke und Überwindungen, mit der Bekämpfung des inneren Schweinehundes und der Verfestigung einer super Freundschaft, vielen Dank Ralph.

Und zum Schluß wie immer die Fotos! 😍

3 Tage Jakobsweg entlang der Elbe
Am 14. September 2020 startete mein bisher größtes Wanderabenteuer. Ralph hatte eine 3-tägige Reise auf dem Jakobsweg vorbereitet, mit zwei Übernachtungen, ca. 75 km mit täglich mehr als  20 km, und das obwohl ich erst einmal überhaupt mehr als 20 km gewandert bin. Meine Ausrüstung war noch sehr übersichtlich und ich war Mega-aufgeregt.Insgesamt 119.843 Schritte, 76,7 km, knapp 17 Stunden reine Wanderzeit.
St. Nikolai-Wunderblutkirche, Bad Wilsnack
3 Tage Jakobsweg
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